Das England der Engländer
Schlangestehen, das Wetter und unsere Leidenschaft für Tee...
E
ngländer sein. Das hat viele Formen und Gesichter. Für George Orwell bestand es aus üppigem Frühstück und trüben Sonntagen, Städten voller Smog und kurvigen Straßen, grünen Feldern und roten Briefkästen. Der amerikanische Poet T.S. Eliot beschrieb es mit der „Henley Regatta, Wensleydale Käse und der Musik von Elgar“. Doch wenn es etwas gibt, das uns Engländer perfekt beschreibt, dann ist es unser Hang zur Etiquette. Wir sind sehr stolz auf unsere Umgangsformen.
Zum Beispiel beim Schlangestehen. Viele Fremde sind wegen des Phänomens der englischen Art des Anstehens verblüfft, doch für uns gehört es zur Lebenseinstellung. Und wir nutzen jede Gelegenheit dazu, zum Beispiel an der Bushaltestelle oder während wir auf einen freien Tisch im Café warten. Sich vordrängeln ist äußerst verpönt. Und sollten wir unseren Platz in der Schlange verlieren, bewahren wir immer Haltung.
Auch gehört eine Schlange zu den wenigen Orten, an denen es nicht als schlechtes Benehmen gilt, sich mit Fremden zu unterhalten, ohne vorher vorgestellt worden zu sein. Das wichtigste Thema bei Unterhaltungen ist das Wetter. Ob es regnet oder die Sonne scheint, wir Engländer reden liebend gerne darüber. Selbst in der Familie oder unter Freunden gibt es nichts Anregenderes, als uns über den unerbittlichen Regen oder den ungewöhnlichen Sonnenschein zu unterhalten.
Vom Sonnenbaden einmal abgesehen. Beim ersten Anzeichen von Sonne entblättern wir uns. Gehen Sie an einem wolkenlosen Tag durch London, zu welcher Jahreszeit auch immer, und Sie werden sehen, dass jeder Fleck Rasen mit Menschen besetzt ist. Ihre Jacketts und Schuhe haben sie abgelegt, die Hosen und Ärmel hochgekrempelt, um möglichst viel Haut freizulegen.
Wenn Sonnenbaden unsere Lieblingsbeschäftigung sein sollte, folgt das Teetrinken dicht auf dem zweiten Platz. Der Brauch des Teetrinkens stammt aus der Zeit Charles II., dessen Frau Katharina von Bragança die Gewohnheit, nachmittags eine Tasse Tee zu sich zu nehmen, aus ihrer Heimat Portugal mitbrachte. Und das blieb haften. Es ist ein nachmittägliches Ritual für die meisten von uns, eine so genannte Cuppa zu trinken. Und ein vormittägliches. Und ein morgendliches.... Wir putzen uns sogar heraus, um in eine Teestube zu gehen. Oft gibt es das volle Programm: Tee mit Scones und Gurkensandwiches. Wo auch immer wir hingehen und welchen Genuss wir uns auch gönnen, das „Danke“ und „Bitte“ vergessen wir nie.
Es gibt sicher Menschen, die uns als eigenartig, manchmal sogar als seltsam bezeichnen würden. Doch würden wir es nie anders machen. Wir sind Engländer und wir sind stolz darauf.
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